Angedichtet – Die grüne Frau

Text zu "Frau mit Zigarette" von Hella Jacobs, Foto: Judith Schönwiesner
Text zu "Frau mit Zigarette" von Hella Jacobs, Foto: Judith Schönwiesner

Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt

Texte der Schreibwerkstatt Solingen

Leitung: Susanne Koch

 

Die grüne Frau
von Martina Sprenger

Er haucht einen Kuss auf ihre Wange, dreht sich um, zieht noch im Laufen den Reißverschluss seiner Hose hoch, schiebt den Hut in die Stirn und läuft die Treppe hinunter. Sie winkt ihm, auf der Türschwelle stehend, hinterher, sieht den auf und ab hüpfenden Hut um die Treppenbiegung verschwinden und lauscht seinen Schritten, bis sie die Haustür ins Schloss fallen hört.

Ein guter Liebhaber, aufmerksam und zärtlich. Die Stunden, die er bei ihr verbringt, genießt sie. Kennengelernt hat sie ihn, als sie vor einigen Monaten mit einer Freundin abends ausgegangen ist. In einer Bar hat er sie vom Nebentisch aus beobachtet und den Kellner angewiesen, ihr seine Karte mit Telefonnummer auf einem kleinen silbernen Tablett überreichen lassen. Sie hat eine Woche gewartet und ihn dann erst angerufen. Er ist verheiratet, natürlich. Nur verheiratete Männer sprechen Frauen in Bars an. Viele ihrer Liebhaber sind verheiratet gewesen. In ihrem Alter ist es schwer, einen ungebundenen Mann kennenzulernen. Nicht dass sie alt ist, keineswegs, aber die Jugend ist lange vorbei und in Gesicht und am Körper zeigen sich die ersten Spuren des Alters. Krähenfüße um die Augen und geschwollene Lider nach einer langen Nacht, dünne Falten am Hals und Flecken im Dekolltee. Nichts, was nach einer Gesichtsmaske und einer Schicht Fettcreme nicht wieder verschwindet. Aber es bedeutet, dass sie auf sich achten muss, dass sie mehr Schlaf braucht und eine ausgewogene Ernährung. Sie schließt die Wohnungstür hinter sich und betrachtet ihr Gesicht in dem Spiegel, der in ihrer Diele hängt. Blass ist sie, sehr blass, beinahe anämisch sieht sie aus heute Nachmittag. Die dunklen Ränder unter den Augen reichen über die halbe Wange. Die sorgfältig in einem Bogen gezupften Augenbrauen wölben sich über verschatteten Lidern. Ihr Blick leer, die blassen Lippen zu einem resignierten Lächeln verzogen. In den Mundwinkeln hängen Reste des leuchtend roten Lippenstifts. Wie lange wird sie ihren Liebhaber noch halten, wie lange noch das Altern ihres Körpers vor ihm verbergen können? Viel Zeit verbringt sie damit sich für ihn schön zu machen, für ihn schön zu bleiben. Mit Gesichtsmasken, teuren Körperlotionen, Augenpflegecremes, Haarkuren. Immer ist sie beschäftigt mit ihrem Aussehen, ihrem Gewicht, ihrem Alter.

Sie runzelt die Stirn. Wozu? Warum will sie diesen Mann unbedingt an sich binden? Außer seinen Qualitäten im Bett hat er ihr nichts zu bieten. Er besucht sie in ihrer Wohnung, verbringt ein paar Stunden mit ihr und danach verschwindet er wieder. Keine gemeinsamen Abendessen in Restaurants, keine Theaterbesuche, nicht einmal gemeinsame Spaziergänge gibt es mit ihm. Er könnte gesehen werden mit ihr. Seine Frau könnte von seiner Affäre erfahren und sich von ihm trennen. Ein Feigling. Der den Kuchen behalten und gleichzeitig aufessen will. Wie alle gebundenen Männer. Hat sie das nötig? Sie lächelt ihrem Spiegelbild zu. So sieht eine Frau aus, die alle Illusionen verloren hat. Die alles gesehen, alles erlebt, viel geliebt und viel gelitten, aber alles durchgestanden hat. Die so oft die Trümmer ihres Lebens aufgesammelt und wieder zusammengesetzt hat, dass sie nicht mehr zählen kann, wie häufig. Sie braucht diesen Mann nicht. Sie braucht keinen Mann. Sie ist stark. Sie geht ins Schlafzimmer und holt das grüne Kleid aus dem Schrank. Das Kleid, das ihr besonders gut steht und das sie an dem Abend in der Bar getragen hat. Sie legt die grünen Ohrringe an und die dünne goldene Kette und steckt das Haar zu einem Knoten zusammen. Streng und doch sehr weiblich. Den Lippenstift zieht sie nicht nach, auch Rouge trägt sie keins auf, die Nase bleibt ungepudert. Sie ist auch ohne Make-up schön genug. Sie zündet sich eine Zigarette an, raucht nervös, mit hastigen Zügen. Die Zigarette drückt sie halb aufgeraucht im Aschenbecher aus.

Ihr Entschluss steht fest. Sie wird ins Kino gehen, allein, ohne Begleitung. Das ist doch schon ein Anfang.


 

Die Veröffentlichung der Textsammlung „Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt“ erfolgt anlässlich des 41. Internationalen Museumstages 2018. Unter dem Motto „Netzwerk Museum: neue Wege, neue Besucher“ ist dieses #MuseumsTandem in Kooperation mit der Bergischen VHS (Solingen) entstanden.