Angedichtet – Die Nachforschung

Zentrum für verfolgte Künste (im Kunstmuseum Solingen) © Zentrum für verfolgte Künste / Judith Schönwiesner
Zentrum für verfolgte Künste (im Kunstmuseum Solingen) © Zentrum für verfolgte Künste / Judith Schönwiesner

Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt

Texte der Solinger Schreibwerkstatt

Leitung: Susanne Koch

 

Die Nachforschung
von Sibylle Wegner-Hören

Als sie sich das Bild „Kriegsgefangene“ von Heinrich Siepmann aus dem Jahre 1945 aussuchte, um eine Geschichte dazu zu schreiben, ahnte sie nicht, was auf sie zukommen würde.
Im Museum hatte sie vor dem Gemälde verharrt, weil ihr bei der Betrachtung ihre Großväter einfielen. Beide waren in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen und erst spät zu den Familien zurückgekehrt, versehrt an Leib und Seele. Der eine am Kopf schwer verwundet, war bald erblindet. Der andere wurde zwar wieder am Körper heil, aber seine Seele hatte sich verhärtet. Beide blieben Gefangene wie die Figuren auf dem Bild, dunkel, bedrückt, geisterhaft und Schatten ihrer selbst.

Aber es sollte eine Geschichte zu dem Bild werden. Sie setzte sich vor den Rechner, links das Bild, rechts eine leere Seite: Nichts, eine unsichtbare Sperre tat sich auf. Kein Wort wollte vom Kopf in die Finger fließen, stattdessen ein unbestimmbarer Druck auf der Brust. Sie beschloss, erst einmal mehr über den Künstler zu erfahren und über das Gemälde, um sich seiner Intention zu nähern.
Googlen des Malers brachte ihr zwar die Lebensdaten: Geboren 1904 in Mühlheim, gestorben 2002 ebenda und den Hinweis, dass er nach dem Krieg Mitbegründer der Künstlergruppe „Junger Westen“ war und in Mühlheim gewirkt hatte. Über Querverweise fand sie sein Hauptwerk in Bildern in einem Museum und einer Galerie, eindeutig abstrakt, zur Stilrichtung Konstruktivismus gehörend, was der Richtung ihres Bildes nicht mehr entsprach. Wie war er auf Kriegsgefangene gekommen, was hatte er erlebt? In seiner Vita stand: „Von 1941-45 als Soldat in Belgien, Frankreich, Italien, Gefangenschaft.“ Gefangenschaft wo, wie lange, bei welchem Alliiertem? Hatte er die von den Deutschen errichteten KZs und die fremden Zwangsarbeiter gesehen. Bezog sich sein Bild darauf? Oder war er es selbst, auf diesem Bild. Offene Fragen.

In dieser Nacht träumte sie von ihrer Oma Else. Die Großmutter saß wie früher am großen Esstisch. Vor sich einen zusammengehefteten Stapel vergilbter Din A4 Blätter, mit Schreibmaschine beschrieben, nun schlug Else den Hefter auf und blätterte. Verharrte auf einer Seite und blickte auf. Sie wollte etwas sagen zur Oma, sie begrüßen, ihr sagen, wie sehr sie sie liebte und immer noch vermisste. Aber aus ihrem Mund kam kein Laut. Das Bild verschwand. Sie wachte auf, gerädert, verwirrt, mit einem inneren Schmerz. Ihre Oma, die sich von den Misshandlungen und Entbehrungen der Gefangenschaft nach dem Krieg nicht wirklich wieder erholt hatte, war viel zu früh gestorben. Die nächsten Tage standen ganz unter dem Thema Recherche. Verschiedene Suchmaschinen boten nur das, was sie schon gefunden hatte und keine weiterführenden Erklärungen oder Antworten auf ihre Fragen. Dann stieß sie auf einen Hinweis auf ein Buch: „Erinnerungen werden wach, Zeitzeugenberichte aus Mülheim an der Ruhr 1933-1945“ von Barbara Kaufhold. Da das die Heimatstadt von Siepmann war, hatte er in diesem Band 2001 ein Vorwort geschrieben. Sie war sofort elektrisiert, Vielleicht war das die Spur, vielleicht berichtete er dort von seiner eigenen Vergangenheit. Sie suchte im Internet Antiquariate nach dem vergriffenen Buch ab und wurde fündig – gesehen, gekauft. Sie musste nun ein paar Tage warten, bis das Buch per Post kam. Sie träumte wieder von ihrer Oma. Else saß erneut am Tisch, den Hefter vor sich. Doch diesmal winkte die Großmutter sie heran und hielt den Finger auf eine Zeile. Sie ging näher und konnte auf den Blättern Namen, Orte und Daten erkennen. Dann riss das Bild wieder ab. Doch sie hatte genug gesehen und wusste wieder, um was es sich bei dem Verzeichnis handelte.
Sie sperrte die Erinnerung weg und wartete auf das Buch von Mühlheim. Volltreffer! Mit leichten und sympathischen Worten schrieb der Künstler über sein Leben, wen er nicht alles gekannt hatte an Größen wie Otto Dix, Max Ernst und viele andere. Wie er es geschafft hatte mit Hilfe von Gönnern vor und während des Krieges durchzukommen und über seinen Schwager Heinz Kiwitz, Holzschnitzer, der als Anti-Nazi politischer Gefangener erst in Wuppertal Beyenburg, dann 1934 in Börgermoor war, wo das Moorsoldatenlied entstand. Hier begriff sie endlich den Hinweis vom Museumsdirektor auf dieses Lied. Kiwitz hatte zu den Moorsoldaten als Insasse eine Zeichnung gemacht.
Aber nichts über seine Gefangenschaft. Sie ahnte langsam, dass er wohl nicht darüber reden wollte, wie die meisten, die im Krieg schlimmes erlebt hatten.
In ihrem Kopf entstanden Bilder, sie spürte das furchtbare Leid, dass dieser Krieg über Millionen von Menschen gebracht hatte. Und dass es immer noch nachwirkte, in der zweiten und dritten Generation. Natürlich dachte sie auch daran, dass sich auf der Welt noch nichts geändert hatte, an die aktuellen Kunstschändungen im Nahen Osten, an die heutigen Kriegsopfer, Vertriebene und Versehrte.
Sie war traurig und müde. An diesem Abend holte sie das Verzeichnis hervor, das sie im Traum gesehen hatte und das sich in den Unterlagen ihrer ebenfalls schon verstorbenen Mutter gefunden, sie aber noch nie betrachtet hatte: Eine dicke Suchliste des deutschen roten Kreuzes von 1964. Namen unter Namen mit Geburtsdatum und Geburtsort, letzter bekannter Wohnort vor und während des Krieges, dann letzter bekannter Aufenthalt an der Front, oder in einem Lager, wenn bekannt mit Gruppe und Baracke. Sie blätterte und suchte. Die meisten Familienmitglieder fingen im Nachnamen mit S und W an, also weiter hinten.
Da rutschte ein vergilbter Zettel zwischen den Seiten heraus, halb so groß wie ein Briefumschlag, wie aus einem Notizbuch gerissen. Er war mit Füller beschrieben in fließender Sütterlinschrift, schon stark verblichen. Sie hatte Mühe, es zu entziffern.

„Liebste Charlotte,
endlich kann ich dir ein paar Zeilen zukommen lassen, den Füller habe ich von einem Aufseher gegen meinen Siegelring eingetauscht. Wenn ich wieder bei euch bin, kann ich mir einen neuen kaufen. Mach dir keine Sorgen. Uns geht es gut, wir haben zu Essen. Ich schreibe uns, weil Werner Schiffer jetzt in meiner Baracke ist, du kennst ihn ja auch. Wenn du weißt, wo seine Hedwig ist oder sie triffst, sag ihr einen Gruß, dass er sie liebt und immer an sie denkt. Morgen werden wir mit einem Zug weiter in den Osten gebracht, ich weiß also nicht, wann ich wieder schreiben kann. Aber jeden Abend spreche ich mit deinem Foto, so bist du ganz nah und es gibt mir Kraft. Pass gut auf unser kleines Mädelchen auf und drück es und herze es ganz fest von seinem Vati und sag ihm, dass der Vati bald nach Haus kommt.
Ich küsse dich
Dein dich liebender Hermann“

Sie ließ den Zettel sinken. Hermann, Hermann Rosener, dachte sie, der Sohn von Omas Schwester. Sie schlug die Liste bei R auf und ließ den Finger die Zeilen hinab gleiten. Da war er. Rosener, Hermann, Geboren am 12.12.1921 in Schievelbein, Kreis Belgard, Pommern, vermisst. Letzter bekannter Ort: nur ein Strich. Der Brief hatte seine Frau nie erreicht. War stattdessen bei Oma Else gelandet. Wahrscheinlich weil Charlotte im Osten blieb und Else mit Kindern sich vor der Teilung schon in den Westen zu Verwandten durchschlagen konnte und ihre Adresse bekannt war. Sie wusste, dass Charlotte immer auf die Rückkehr von ihrem Hermann gewartet hatte. Ob die Tochter Christine, das Mädelchen von damals von dem Brief wusste? Nach Oma Elses Tod hatte vielleicht keiner mehr an den Brief gedacht. Morgen würde sie sofort in Magdeburg anrufen und Christine davon berichten. Und ihr, wenn sie wollte, mit einem Besuch verbunden den letzten Brief des Vaters bringen. Endlich. Sie atmete tief aus, stand auf und zündete im Gedenken eine Kerze an.


 

Die Veröffentlichung der Textsammlung „Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt“ erfolgt anlässlich des 41. Internationalen Museumstages 2018. Unter dem Motto „Netzwerk Museum: neue Wege, neue Besucher“ ist dieses #MuseumsTandem in Kooperation mit der Bergischen VHS (Solingen) entstanden.