Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt

Einführung zur Lesung "Angedichtet - Kunst, die aus dem Rahmen fällt" durch Kirsten M.; Foto: Judith Schönwiesner
Einführung zur Lesung "Angedichtet - Kunst, die aus dem Rahmen fällt" durch Kirsten M.; Foto: Judith Schönwiesner

Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt

Texte der Schreibwerkstatt Solingen

Leitung: Susanne Koch

 

Ein paar Worte vorab
von Kirsten Marter-Dumsch

Bevor wir beginnen, erlauben Sie uns ein paar Worte voranzustellen. Im Laufe der Vorbereitung wurde uns klar, dass eine Lesung im Museum, genauer, in einem Museum für verfolgte Künste, einem anderen Anspruch gerecht werden muss, als manch andere Lesung. Zumindest haben wir diesen Anspruch sehr intensiv empfunden und möchten Sie an den Gedanken teilhaben lassen, mit denen wir uns, nach dem Besuch und der sehr interessanten Führung durch Dr. Jessewitsch, beschäftigt haben.

Ganz bewusst habe ich Sie dazu vor dieses Bild von Georg Meistermann gebeten. Nicht, weil er DER Solinger Künstler ist und dies das größte Format der Sammlung, womit es naturgemäß den Raum dominiert. Es heißt, ich vermute, die meisten von Ihnen wissen das, „der Maler“ und entstand von 1941-43. Ich selbst werde in den nächsten Tagen 56, bin in Wuppertal geboren und aufgewachsen, und erfreue mich des unschätzbaren Glücks, in meinem Leben weder Krieg noch sonstige Formen von Gewalt, Vertreibung oder Unterdrückung erlebt zu haben. Nicht einmal die Nachkriegszeit ist mir aus persönlichem Erleben vertraut. Ich weiß nicht aus eigener Anschauung, wie es ist, wenn die Welt aus den Fugen gerät, wenn auf Nichts mehr Verlass ist, nicht einmal mehr auf einen Glauben und Werte, in denen man aufgewachsen und erzogen wurde, so wie es Meistermann hier abbildet. Dies gilt für die meisten Mitglieder unserer Schreibwerkstatt, aber nicht für alle. Unsere beiden ältesten Mitglieder haben den Krieg als Kinder erlebt, eine Zeit, die sie tief geprägt hat und die sie bis heute in ihren Texten immer wieder eindrucksvoll thematisieren.

Wie sehr die unterschiedlichen Lebensläufe sich auf den Dialog mit den ausgestellten Kunstwerken auswirken, wurde uns klar, als wir die ersten Texte zusammentrugen. Manche beschäftigten sich ganz konkret und persönlich mit der Zeit, andere fiktiv, wieder andere schienen auf den ersten Blick kaum etwas mit den Bildern, bzw. dem zeitgeschichtlichen Kontext zu tun zu haben.

Können wir das machen, fragten wir uns, können wir so unterschiedliche Texte in einem solchen Museum lesen? Müssen wir nicht den besonderen Umständen Rechnung tragen, unter denen die Bilder entstanden sind? Wir haben das intensiv besprochen und eine Entscheidung getroffen, die viel damit zu tun hat, dass man als Museumbesucher in einen ganz persönlichen Dialog mit einem Kunstwerk tritt. Das dieser nicht bei jedem gleich ausfällt, ist jeder Künstlerin und jedem Künstler bewusst. Der Moment, in dem ein Bild in die Öffentlichkeit tritt, ist der Moment, in dem sie die Deutung aus der Hand geben müssen. Und doch steuern sie unsere Wahrnehmung in eine bestimmte Richtung. Wie sonst ließe sich erklären, dass es vermutlich vielen Betrachtern vor diesem Bild ähnlich ergeht wie mir: Man meint eine Ahnung zu haben von dem, was der Maler empfand. Trauer, Verzweiflung, Angst, aber auch Zweifel und Zorn, all das hat mich berührt und daran erinnert, dass es zu allen Zeiten Menschen gab – und leider geben wird – für die die Welt aus den Fugen gerät. Aus welchen Gründen auch immer. Denn das hier sichtbare Gefühl ist weder gebunden an die damalige Zeit, noch an die Umstände, unter denen der Maler arbeiten musste. Trauer, Verzweiflung, … Zweifel mögen unterschiedliche Auslöser haben, als Gefühl sind sie absolut und zeitlos. Kunst, so unsere Überzeugung, hat immer auch einen solch absoluten Anspruch. Ihn zu negieren würde bedeuten sie in ihrer Wirksamkeit einzuschränken. Und ‚eingeschränkt‘ wurden diese Künstlerinnen und Künstler nun wahrlich genug.

Darum haben wir uns nach reiflicher Überlegung dazu entschlossen, Sie heute zu allen Texten einzuladen, die nach dem Museumsbesuch entstanden sind, auch wenn sie auf den ersten Blick vielleicht nicht viel gemein haben. Sie alle sind Ergebnis eines persönlichen Dialogs, in den die jeweilige Autorin oder der Autor bei unserem damaligen Besuch mit einem Bild getreten sind. Mit einem Bild, das sie berührt hat.

Wir würden uns freuen, wenn Sie uns in der Pause und im Anschluss an die Lesung erzählen, welchen Dialog sie bei einem Museumsbesuch, oder auch heute, beim Zuhören, erlebt haben. Was hat sie wie berührt, welche Gedanken kamen Ihnen? Darüber miteinander ins Gespräch zu kommen, wäre sicher im Sinne der ausgestellten Künstlerinnen und Künstler. Wir können die Zeit nicht ungeschehen machen, aber wir können Ihnen heute den Raum und die Bedeutung verleihen, die ihrem Leben und Werk angemessen sind.

Den Anfang macht Ulrike Friedrichs, die „Stalingrad“, ein weiteres Bild Georg Meistermanns an einen Tag erinnert hat, den man niemals vergessen, sehr wohl aber zu einem besonderen Tag machen kann.


 

Die Veröffentlichung der Textsammlung „Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt“ erfolgt anlässlich des 41. Internationalen Museumstages 2018. Unter dem Motto „Netzwerk Museum: neue Wege, neue Besucher“ ist dieses #MuseumsTandem in Kooperation mit der Bergischen VHS (Solingen) entstanden.