Angedichtet – Museumsgeflüster

Text zu Werken von Eric Isenbrurger, Ivo Hauptmann & Oscar Zügel, Foto: Judith Schönwiesner
Text zu Werken von Eric Isenbrurger, Ivo Hauptmann & Oscar Zügel, Foto: Judith Schönwiesner

Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fälllt
Texte der Schreibwerkstatt Solingen
Leitung: Susanne Koch

 

Museumsgeflüster
von Bernhard Schreiber

Die Strahler, die die Kunstwerke in das richtige Licht setzten, erloschen, nur diffuses Abendlicht drang noch durch die großflächigen Fenster in den Ausstellungsraum. Eva legte erleichtert die Geige beiseite und schaute zu ihrer Nachbarin herüber.
Endlich sind wir wieder unter uns!“
Ja, es wurde Zeit!“ antwortete Jula.
Eva beobachtete sie, wie sie nun vorsichtig in die Abendsonne blinzelte. Schließlich drehte Jula den Kopf zu Eva. „Guten Abend, Eva“, grüßte sie das Porträt gegenüber.
Guten Abend, Jula!“ Eva nickte ihr zu.
Dann konnte Jula nicht mehr an sich halten. „Den ganzen Tag schweigen, wenn man schreien möchte! Da stehen sie vor meinem Porträt und gaffen und begreifen nicht, dass auch eine polnische Jüdin blondes Haar und eine gerade Nase haben kann! Eine ganz normale Frau ohne besondere Kennzeichen.“
Geht mir ähnlich“, fiel ihr Eva ins Wort. „Und dann muss ich noch den ganzen Tag die Geige still halten und darf nicht spielen! Jeden Abend habe ich einen Krampf in den Armen und die Finger sind blau vor Kälte!“
Jula wechselte lieber das Thema. „Ach, ich möchte nicht mehr daran denken. Tanzen möchte ich, wie früher in Berlin und Paris. Eva, kannst du nicht ein paar Takte spielen?“
Eva ließ sich nicht lange bitten und spielte ihre Lieblingsmelodie von Brahms wie jeden Abend. Jula schwang sich aus dem Rahmen wie von einem Fensterbrett und schwebte im Raum. Sie warf die Arme über den Kopf, dass sich die Finger berührten, legte den Kopf etwas zur Seite und streckte die Füße, als ob sie auf Zehenspitzen tanzte, und wiegte sich im Rhythmus der Musik.
Ach, wenn Eric mir nur eines seiner Bühnenkostüme vorbeibringen könnte“, fing Jula an zu schwärmen. „Meine Pariser Soloauftritte mit diesen Phantasiekleidern waren so herrlich. Da habe ich die ganze Welt vergessen. Das war die beste Ablenkung, um nicht immer wieder an unsere Flucht aus Berlin zu denken! Gottseidank hatte uns Gurlitt gewarnt.“
Eva glitt der Geigenbogen ab zu einer unerwarteten Dissonanz. „Gurlitt, etwa einer der Gurlitts, die für Göbbels die verfemten Bilder über die Schweiz verscherbelt haben?“
Jula guckte ungläubig. „Wolfgang Gurlitt war unser Retter.“
Ha, Jula, wer weiß, an wie vielen sogenannten entarteten Kunstwerken er sich mit anderen Händlern schön bereichert hat?“
Jula protestierte. „Immerhin hat er etliche von Erics Bildern, auch meines, gerettet und für ihn nach dem Krieg eine Ausstellung arrangiert! Uns gegenüber hat er sich anständig verhalten.“
Gewiss, gewiss, auch sein Cousin Hildebrand hat in Hamburg noch Bilder von Ivo ausgestellt, als dies nicht mehr ganz ungefährlich war. Dennoch, sie hatten auch eine andere Seite und sich arrangiert!“
Jula hakte nun nach. „Wo hat denn dein Porträt diese schlimmen Zeiten überstanden?“ Eva konnte sich nur an die Wohnstube in ihrer Hamburger Villa erinnern.
Eva setzte die Geige wieder an und spielte schwermütigere Musik. Langsam drehte sich Jula um sich selbst und hing ihren Gedanken nach. Eva ahnte, woran sie dachte. An ihren Eric natürlich, wie er in Frankreich als Deutscher interniert wurde und wie sie während des Krieges glücklich nach Amerika geflohen sind. Es war ja nicht das erste Mal, dass sie sich ihre Geschichten erzählten.
Eric hat mich noch öfters gemalt, in Wien und Nizza und in Amerika“, sprudelte es aus ihr heraus, „dieses Bild ist das älteste, wir waren gerade verheiratet, ich mit meinen 26 Jahren noch mitten in der Tanzausbildung. Wieviele Träume wir da noch hatten! Und in Amerika war es aus mit dem Tanzen, ich musste die Familie ernähren.“
Wieder ein abruptes Kratschen auf der Geige. „Träume“, brach es aus Eva heraus, „Träume! Meine Mutter hatte sogar ihren Beruf aufgegeben und sich ganz meiner Ausbildung gewidmet. München, Paris, Berlin. Und dann kamen Klaus und die zwei Kinder, da war es aus mit den Träumen. Na ja, zur Geigenlehrerin hat es noch gereicht, und hin und wieder habe ich in einem Orchester spielen können. Als mein Schwager Ivo dieses Bild gemalt hat, ging es gerade wieder etwas besser.“ Sie atmete noch einmal tief durch, bevor sie richtig lospolterte. „Und dann haben sie mich aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen, obwohl wir assimilierte Juden waren und ich sogar evangelisch getauft!“ In ihrer Erregung setzte sie zu einer feurigen ungarischen Melodie an, dass es Jula ganz schwindelig wurde.
Aber du hattest wenigstens einen Schutzengel, deinen Schwiegervater!“ warf Jula außer Atem ein.
Eva winkte ab. „Ach, der Herr Literaturnobelpreisträger! Solch ein Frauenheld! Der konnte nicht einmal verhindern, dass meine blinde Mutter und ihre Schwester nach Theresienstadt deportiert wurden.“ Nun stimmte sie ein melancholischeres Lied an.
Eva ließ aber bald die Geige sinken und begann zu sinnieren: „Jetzt hängen wir hier unter den Bildern der entarteten Künstler. Mein Porträt ist gar nicht avantgardistisch. Höchstens impressionistisch. Und deines, Jula, genauso. Was ist daran entartet? Nur, weil wir aus einer jüdischen Familie stammen oder weil wir nicht wie germanische Heldinnen aussehen?“
Jula konnte nur zustimmen: „Dabei sind wir beide deutsch und blond und lieben die klassische Musik, sogar Wagner!“
Eva setzte noch eins drauf: „Und Kinder habe ich auch geboren!“ und überlegte: „Ging es den „artigen Künstlern“ dieser Zeit besser? Haben sie nach dem Krieg noch Anerkennung bekommen?“
Jula hatte davon gehört: „Ihre Skulpturen stehen immer noch überall herum im Lande, niemand hat sie zerstört.“
Doch wir sind jetzt alle vergessen!“ schloss Eva.
In die Musik, zu der Eva gerade wieder ansetzte, mischte sich ein dumpfes Geräusch, ein Plopp, und wieder Plopp, dann noch eines, es kam immer näher. Die Geigerin und die Tänzerin horchten auf.
Achtung, der Propagandaminister hat seinen Bilderrahmen verlassen!“ entfuhr es Eva. „Der Zügel hat ihn aber auch so kubistisch gemalt. Wie der Goebbels das gehasst hat! Und jetzt steht er da wie ein Gespenst.“
Jula hatte kein Mitleid: „Geschieht ihm ganz recht!“
Sie schlüpften unversehens in ihre Ausstellungspositionen. Jula drehte ihr Profil im Bilderrahmen wieder zur Seite, Eva hielt die Geige bereit zum Einsatz. Plopp, Pause, Plopp.
Ja, wen haben wir denn hier? Etwa einen jüdischen Komplott?“
Du hast hier gar nichts mehr zu sagen!“ schoss es aus Jula wütend heraus.
Er zerrte ein großes Buch aus dem typischen Gestapomantel. „Was sagt denn meine Liste hier, hat der Gurlitt auch alles erfasst?“ Er kramte weiter in der Liste.
Hauptmann? Ist denn das die Möglichkeit! Kein Eintrag. Und Isenburg? Auch kein Eintrag. Da muss ich mit Gurlitt aber noch ein Hühnchen rupfen!“ Er machte nun Anstalten, die Namen nachzutragen.
Jula hielt es nicht mehr aus, sie schrie, dass es in dem Raum widerhallte:
Nimmt das denn nie ein Ende?“


 

Die Veröffentlichung der Textsammlung „Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt“ erfolgt anlässlich des 41. Internationalen Museumstages 2018. Unter dem Motto „Netzwerk Museum: neue Wege, neue Besucher“ ist dieses #MuseumsTandem in Kooperation mit der Bergischen VHS (Solingen) entstanden.