Angedichtet – Sie haben meine große Nase nicht gemocht

Text zu "Hoto II" von Otto Pankok, Foto: Judith Schönwiesner
Text zu "Hoto II" von Otto Pankok, Foto: Judith Schönwiesner

Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt

Texte der Solinger Schreibwerkstatt

Leitung: Susanne Koch

 

Sie haben meine große Nase nicht gemocht
von Bernhard Schreiber

„Hoto, bist du es? Wirklich?“ Otto stand fassungslos vor dem völlig abgemagerten Mädchen mit den großen tiefen Augen und nahm sie endlich in die Arme. „Beinahe hätte ich dich nicht wiedererkannt!“
„Lange habe ich mich durchgefragt, um dich zu finden, Molari“, begann Hoto.
„Wie schön, den Namen wieder zu hören, den ihr mir damals gegeben habt, Molari, der Maler!“ fiel ihr Otto ins Wort.
„Immer habe ich an dich gedacht in all den schrecklichen Jahren. Du hast immer zu uns gehalten“, fuhr Hoto unbeirrt fort. „Ich habe gehofft, dich wiederzutreffen. An der Kunstakademie kannte dich niemand mehr, auf dem Rathaus haben sie dich als verschollen erklärt.“ Sie sah sich im Raum um. „ Doch sie gaben mir die Adresse von deinem ausgebombten Haus. Dass ich dich nun hier wirklich treffe, in diesem Keller unter den Ruinen! Das ist dein neues Atelier?“ Sie musterte die nackten Backsteinwände, das klapprige Bettgestell, die rostige Waschschüssel und die Staffelei mit den Pinseln.
Otto versuchte zu erklären. „Ich will das Haus wieder aufbauen, Stockwerk für Stockwerk.“
Sie hob die Augenbrauen. „Glaubst du wirklich, du wirst es schaffen?“
Er gab sich selbstsicher. „Ja, bestimmt, ich habe Helfer. Und einige Bilder, die ich verkaufen kann.“
„Und deine Familie?“ fragte sie ungläubig.
„Die habe ich noch in einem Haus in der Eifel gelassen. Da haben wir uns den Krieg über versteckt, damit die Nazis uns in Ruhe ließen.“ Otto schlug die Augen nieder.
„Wen willst du hier malen?“ fragte Hoto nun. „Ausgehungerte KZ-Gespenster oder die Kriegskrüppel und Bettler in den Düsseldorfer Trümmern?“
Otto lenkte ab. „Wo hast du ein Dach über dem Kopf gefunden, Hoto?“
„Die neuen Herren können mit uns genauso wenig anfangen wie die alten.“ Hoto machte eine wegwerfende Geste mit der Hand. „Sie haben uns wieder in das alte Zigeunerlager am Heinefeld gesteckt. Da hausen wir in Bretterbuden. Außer mir ist nur Gaisa zurückgekommen.“ Sie setzte sich auf einen klapprigen Stuhl. „Erinnerst du dich an den Hühnerstall neben dem Lager? Du hattest ihn als Atelier genutzt. Er steht nicht mehr. Wie haben wir es geliebt, dir beim Zeichnen zuzugucken. Am liebsten standen wir selbst Modell. Hast du noch die Bilder?“
Er zeigte auf ein paar Blätter auf dem Tisch. „Ich konnte einige bei Freunden verstecken. Sieh mal, ich habe noch einen Druck von Dir. Der war sogar in der Ausstellung ´37 in München, wo alle gelandet sind, die keine arischen Helden malen wollten.“
„Sie haben meine große Nase nicht gemocht, Molari. Warum hast du sie nur so groß gemalt?“
Otto ging näher an die offene Kellertür und sah sich die Lithografie bei Tageslicht noch einmal genauer an. „Das bist du eben. Für deine acht Jahre damals ist sie vielleicht etwas groß geraten, aber sie gehört zu dir wie dein strähniges Rabenhaar.“
Sie stampfte mit dem Fuß auf. „Sie haben gesagt, ich sei hässlich und fremd mit meiner dunklen Haut und gehörte nicht zu ihnen.“
„Das wollten sie dir einreden, aber du bist du, ein Mensch halt! Eben nicht so wie alle anderen. Jeder Mensch ist anders. Sie glaubten, sie könnten alle nach einem Ebenbild formen. Das ist ganz unmöglich!“
Hoto guckte nun genauso bedrückt wie auf dem Bild. „Aber deshalb haben sie dir das Bild weggenommen und es in diese schäbige Ausstellung gesteckt! Und sicher haben sie mit dem Finger auf mich gezeigt und gelacht und Witze gerissen über die Zigeunerbrut!“
„Gewiss, und mit mir haben sie dafür öffentlich gebrochen. Ausstellungsverbot, keine Verkäufe. Jahrelang musste ich mich auf dem Lande verstecken.“
Sie sah ihr Bild forschend an und stieß es wieder zur Seite. „Aber ich gehöre doch hierher! Meine Familie ist hier schon seit Generationen mit ihren Wagen über Land gezogen! Und das, obwohl man uns nirgendwo haben wollte.“ Ihr Blick schweifte zur Tür hinaus. „Sie haben uns gezwungen, auf das Franzosengelände auf dem Heinefeld zu ziehen und die Räder von den Wagen abzumontieren. Auf den Böcken sahen sie wie Hütten aus.“ Sie strich noch einmal über ihr Bild. „Wir hatten jetzt einen Wohnsitz und bekamen dafür ein Gnadenbrot, das sie Stempelgeld nannten, nicht genug zum Sterben und zum Leben. Weißt du noch, hinter den Wohnwagen haben wir kleine Kaninchenställe eingerichtet und Hühnerhöfe und Gärten. Ein richtiges Labyrinth. Und wenn es regnete, dieser Matsch, ohne richtige Abwasserleitungen, und dann diese Latrinen!“
„Ach, Hoto, ja, das konnte ich aus meinem Hühnerstallatelier gut beobachten“
„Und da hast du mich gemalt, und Raklo und Ehra und Gaisa und Papelon auch.“
„Ihr wart so fröhliche Blagen. Ihr habt getobt und gelacht und wart rotzfrech. Was für ein Plappermaul du warst! Erinnerst du dich noch an die Kleider, die eine Freundin von mir für euch genäht hatte? Ihr seid mit lautem Geschrei in das Lager gerannt, um die Kleider zu zeigen. Dabei habt ihr Rad geschlagen und seid in die Pfützen und den Matsch getappt. Und auf einmal lagst du in der Schlammpampe drin, dann auch die anderen, wie quiekende Dreckspatzen. Ihr hattet so viel Spaß am Leben.“
„Aber warum hast du mich dann so nachdenklich gemalt? Mit leerem Blick! Weil niemand etwas mit uns zu tun haben wollte?“
„Weil die Situation für euch so hoffnungslos war. Hunger, Krankheiten, keine Schule, keine Zukunft. Und du hast das auch gespürt.“
Sie verschränkte die Hände über dem Kopf. „Es war nicht mehr auszuhalten, als sie anfingen, das Lager mit Stacheldraht zu umzäunen. Alle Sinti haben sie in dem Lager eingesperrt.“ Sie zitterte.

Otto nahm sie in die Arme: „Ja, ja, das war das Ende. Ihr durftet nicht mehr hinaus, und ich durfte euch auch nicht mehr besuchen. Ich musste meine Arbeit im Hühnerstall aufgeben und bekam euch nicht mehr zu Gesicht!“
Hoto holte tief Luft. „Und dann kamen sie und trampelten mit ihren SS-Stiefeln alles kaputt. Sie schlugen mit den Stahlpeitschen um sich. Ich höre noch die Schreie von den Kindern und das Schluchzen unserer Mütter. Wir haben vor Angst gezittert.“ Unwillkürlich schlang sie die Arme fest um ihre Schultern. „Danach haben sie uns ausgefragt, ob wir Voll-, Halb-, Viertel oder Achtelzigeuner wären. Keiner hatte eine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Und bald ist nach und nach meine Familie verschwunden, deportiert in andere Lager, nach Auschwitz und Birkenau. Molari, Du kannst dir nicht vorstellen, durch welche Hölle wir gegangen sind. Sieh hier meine Nummer am Unterarm!“ Tränen rollten Hoto über das Gesicht.
„Ach, Molari, und jetzt stecken sie uns nach all dem wieder in ein Lager. Sie nennen uns nicht mehr Zigeuner, sondern Landfahrer, aber sie denken genauso wie früher über uns! Du bist meine einzige Hoffnung, da heraus zu kommen!“
„Ja, Hoto, und ich bin froh, dass du zu mir gekommen bist. Du musst da raus! Es kann nicht so weitergehen! Ich werde dir wieder ins Leben helfen! Und wir werden wieder singen und tanzen!“
Er nahm ihr schmales Gesicht in beide Hände und sah ihr fest in die hohlen Augen.


 

Die Veröffentlichung der Textsammlung „Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt“ erfolgt anlässlich des 41. Internationalen Museumstages 2018. Unter dem Motto „Netzwerk Museum: neue Wege, neue Besucher“ ist dieses #MuseumsTandem in Kooperation mit der Bergischen VHS (Solingen) entstanden.