Angedichtet – Tante Hedi oder Die Hand Gottes

Text zu "Die Hand Gottes" von Milly Steger, Foto: Judith Schönwiesner
Text zu "Die Hand Gottes" von Milly Steger, Foto: Judith Schönwiesner

Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt

Texte der Schreibwerkstatt Solingen

Leitung Susanne Koch

 

Tante Hedi oder Die Hand Gottes
von Beate Kunisch

Ein Netz beim Lebensabsturz
oder bedeutungslose Worthülse
Ein Auffangbecken beim Nullpunkt
oder ein Fragezeichen

„Man kann nit tiefer fallen als in Jottes Hand!“ Das war Tante Hedi. Und: „Et jibt keine Zufälle. Dat is alles von lieben Jott.“ Tante Hedi war eigentlich gar keine Tante, sie war eine Nachbarin. Dick, sehr dick, und wenn sie auf dem alten Küchenstuhl saß, dann wölbten sich an beiden Seiten ihre Schenkelmassen über die Sitzflächenkanten. Immer, wenn Alex als Kind auf ihrem Schoß saß, fühlte sie die Wärme und Weichheit von Tante Hedis Körper. Wenn die flauschigen Fleischkissen sie überall umgaben und Tante Hedi ihr Lieblingsbilderbuch „die Wurzelkinder“ vorlas, dann lächelte Alex. Schaute abwechselnd auf das Bilderbuch, das sie auswendig kannte und in Tante Hedis Gesicht. Beobachtete sie, wie sie ihren schiefgeschminkten Mund spitzte und zwischendurch am Gläschen ihres heißgeliebten Eierlikörs nippte.

Sieben Jahre später:
Alex hatte auf dem Zeugnis eine fünf in Erdkunde. Sie ging direkt nach der Schule bei Tante Hedi vorbei. Sie strich mit ihrer warmen, fleischigen Hand über das Gesicht von Alex und sagte wieder: “Man kann nit tiefer fallen als in Jottes Hand!“ und „Du bist wat janz Besonderes.“ Alex war 13, als ihre alleinerziehende, alkoholkranke Mutter starb. Alex kam in ein Heim, Tante Hedi besuchte sie, so oft sie konnte. Dann durfte sie bei Tante Hedi wohnen. Sie wusste nicht, wie sie das geschafft hatte, aber es war ihr egal. Bei Tante Hedi war es schöner als im Heim. Es gab oft Eintopf. Tante Hedi konnte nicht gut kochen, das einzige, was sie kochte, waren Eintöpfe. Alles in einem Topf, heiß, würzig, nach dem Essen von innen wärmend.

Sieben Jahre später:
Irgendwann ging es Tante Hedi nicht mehr gut. Alex hatte ihre Ausbildung abgeschlossen und war als Floristin in dem Blumenladen neben der Kirche übernommen worden. Als sie nach Hause kam, war Tante Hedi nicht da. Stattdessen saß eine junge Frau in der Küche und sagte, dass sie die Tochter sei und aus Hamburg käme. Nach der Beerdigung reiste die Tochter wieder ab, sie gab Alex eine Visitenkarte mit den Worten: „Wenn mal irgendwas ist, dann melde dich. Meine Mutter hat immer von dir gesprochen, sie hing sehr an dir.“ Alex fand eine kleine Dachgeschosswohnung in der Nähe.

Sieben Jahre später:
Alex wurde von ihrem Freund verlassen. Sie waren gerade drei Monate zusammen, es war ihr erster Freund. Er hatte sich neu verliebt. Alex war geschockt, sie lenkte sich mit Arbeit ab. Nach einigen Wochen ging es dem Blumenladen schlecht, nach einer monatelangen Baustelle blieben die Kunden aus. Alex wurde gekündigt. Das Geld reichte vorne und hinten nicht, sie konnte die Miete nicht mehr bezahlen und musste die Wohnung verlassen. Sie sprach den Pfarrer an und er verwies auf die Notschlafstelle von der Gemeinde Als sie abends auf dem fremden Bett saß, fiel ihr Blick auf ein Bild an der Wand. Es zeigte ein Meer, eine Frau stand am Ufer. Ihr fiel die Tochter von Tante Hedi ein. Sie suchte die Visitenkarte. Wo hatte sie sie nur hingelegt? Alex fand sie nicht, setzte sich wieder auf das Bett und weinte. Wie sollte es weitergehen?
Am nächsten Tag sortierte sie ihre Sachen und ihr fiel das Bilderbuch von den Wurzelkindern in die Hände. Sie schlug es auf und die Visitenkarte von Tante Hedis Tochter fiel heraus. Alex sah sie sich an. Sie zögerte nicht lange.
„Wie schön, dass du dich meldest. Ich habe schon früher mit deinem Anruf gerechnet. Komm doch einfach nach Hamburg, ich besorge dir eine Fahrkarte, und dann sehen wir weiter.“
Alex fuhr nach Hamburg und lebte einige Wochen bei Tante Hedis Tochter. Ganz in der Nähe gab es ein großes Blumengeschäft, das dringend Aushilfen benötigte. Alex bewarb sich und wurde angenommen. Aus der Aushilfstätigkeit wurde eine Festanstellung. Alex fand eine kleine, bezahlbare Wohnung nicht weit entfernt. Endlich verdiente sie Geld genug.
Dann gab es eine Ausstellungseröffnung in dem örtlichen Museum, Alex stand lange vor einer Skulptur einer überdimensionalen Hand, in der ein Kind lag. Sie dachte an Tante Hedi. „Sie scheinen ja sehr beeindruckt zu sein. Mögen Sie Sekt?“ Eine junge, männliche Stimme weckte Alex aus ihrem Tagtraum. Sie sah zunächst auf das Glas Sekt, das der Mann ihr hinhielt, dann schaute sie direkt in seine dunkelbraunen Augen. Sie lächelte.


 

Die Veröffentlichung der Textsammlung „Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt“ erfolgt anlässlich des 41. Internationalen Museumstages 2018. Unter dem Motto „Netzwerk Museum: neue Wege, neue Besucher“ ist dieses #MuseumsTandem in Kooperation mit der Bergischen VHS (Solingen) entstanden.