Angedichtet – Fronturlaub

Text zu "Der Sieger" von Georg Netzband, Foto: Judith Schönwiesner
Text zu "Der Sieger" von Georg Netzband, Foto: Judith Schönwiesner

Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt
Texte der Schreibwerkstatt Solingen
Leitung: Susanne Koch

 

Fronturlaub
von Ingeborg Gotzmann

Peter ist auf Fronturlaub, ausnahmsweise genehmigt wegen der Geburt seines jüngsten Sohnes. Welch‘ eine Freude, seine Frau und die Kinder in die Arme zu nehmen. Nun ist er auf dem Weg in sein Heimatdorf zu seinen Eltern. Er sitzt im Zug und schaut nachdenklich aus dem Zugfenster, auf die hohen schlanken Tannen, auf die Felder, die wie im Traum an ihm vorbeisausen. Die Kornfelder wiegen sich unter einem strahlend blauen Himmel. Peter versucht sämtliche Bilder in sich aufzusaugen, weil er nicht sicher ist, ob er noch einmal aus dem Krieg heimkehren wird. So schön ist seine Heimat, und doch wird er nach ein paar Urlaubstagen wieder an die Front zurück müssen.
Der Zug hält am Bahnhof des kleinen Dorfes an. Als er aussteigt, trifft er auf dem Bahnsteig seinen Schulfreund Eberhard. „Hallo Peter, auch auf Fronturlaub?“, ruft Eberhard ihm zu.
Ja, zur Geburt meines Sohnes.“
Ich gratuliere dir! Ich habe nur schlechte Nachrichten. Meine Mutter ist gestorben“.
Peter ergreift Eberhards Hand und drückt sie fest.
Sie wollte das Feld mit dem störrischen Ochsen umpflügen. Doch sie konnte den Pflug nicht halten und verletzte sich schwer. Das wäre bestimmt nicht passiert, wäre unser Pferd nicht konfisziert worden. Drei Tagen später starb sie. Jetzt komme ich zur Beerdigung. Muss aber nächste Woche wieder zurück an die Front.“
Es tut mir wirklich leid. Was wird jetzt aus deinen Geschwistern?“
Sie leben bei unseren Tanten.“
Für dich sollte der Krieg zu Ende sein, damit du dich wenigstens um die Kleinen kümmern kannst. Schließlich sind sie jetzt Vollwaisen.“
Hm, unsere Oberen sagen ja, dass der Krieg von allen seine Opfer fordert. Da gibt es keine Ausnahmen.“ Zusammen gehen sie auf der Dorfstraße in Richtung ihrer Elternhäuser. Peters Eltern wohnen nicht weit vom Bahnhof entfernt. Hier verabschieden sie sich, mit innigen Wünschen, gesund den Krieg zu überleben.

Mutter und Vater freuen sich über den Besuch ihres Sohnes. Sie gratulieren ihm freudig zur Geburt des sechsten Kindes und wollen wissen, wie es seiner Frau und den anderen Kindern geht. Fragen über Fragen stürzen auf ihn ein. Mutter bereitet sofort für den Sohn ein Essen vor; Brot dick mit Butter bestrichen, Käse und Buttermilch. Ihre Haare sind noch grauer geworden als bei ihrer letzten Begegnung, und Vater sieht kränklich aus. Schon seit längerer Zeit leidet er unter Magengeschwüren.
Vater, wie geht es dir?“
Mein Magen plagt mich, es will und will nicht besser werden“, gibt der Vater zu.
Du solltest dich schonen, nur leichte Kost zu dir nehmen“, rät Peter.
Peter merkt, dass tiefe Sorgen den Vater umtreiben.
Der Vater holt Luft:
Peter, jetzt sind auch deine Brüder Hans und Paul gleichzeitig eingezogen worden. Dabei ist Hans noch so jung, und Paul hat nach einer Verletzung Schwierigkeiten beim Atmen. Du weißt, dass ich von Anfang an gegen diesen Krieg war. Es ist reines Blutvergießen. So viele junge Männer sind schon gefallen. Erregt fährt er fort: „Besuche doch auch Josef und bringe ihn zur Vernunft. Er soll sich dafür einsetzen, dass deine beiden Brüder nicht nach Russland geschickt werden. Dich hat man schon vor Jahren an die Front nach Russland geschickt – und das als Vater von fünf Kindern! Josef dagegen hat nur zwei Kinder, und er braucht nicht zu kämpfen. Stattdessen stolziert er in seiner braunen Uniform im Dorf herum, lädt SS-Männer zur Jagd ein und feiert Feste.“
Diese Ausführungen strengen den Vater sichtlich an. Doch er kommt noch auf etwas anderes zu sprechen, das ihm auf der Seele brennt.
Peter, sind jetzt alle Waffen aus deinem Haus entfernt?“, erkundigt er sich.aus Haus Die Mutter fragt entsetzt: „Was für Waffen?“
Peter antwortet: „Die Waffen stammen von den Brüdern meiner Frau Anna. Sie hatten die Gewehre und Munition im Keller vergraben. Sie planten, Widerstand zu leisten. Sie dachten, etwas gegen den Nationalsozialismus unternehmen zu können. Doch dann sind auch sie eingezogen worden.“
Josef weiß davon. Er hat die Schusswaffen nachts abgeholt, denn das könnte seiner Position schaden, wenn im Haus seines Bruders Waffen gefunden werden“, erklärt Vater.

Noch vor dem Mittagessen begibt sich Peter trotz der Mittagshitze an das andere Ende des Dorfes. Dorthin führt ein langer Weg. Er nähert sich dem Bach, der sich unweit vorbeischlängelt, geht über die Brücke zum stattlichen Wohnhaus seines Bruders. Um das Gebäude herum stehen urige alte Bäume, und gleich dahinter liegt der Wald.
Seine Schwägerin Viktoria begrüßt ihn herzlich, nimmt ihn mit in die Küche und bewirtet ihn dort, weil in dem großen Esszimmer Josef seine SS-Kameraden zum Mittagessen eingeladen hat und sie nicht gestört werden dürfen. Als das Mahl schließlich vorüber ist, brechen Josefs Freunde, alle in Uniform und mit vielen Orden behängt, auf und begeben sich zu den Autos. Josef erscheint in der Küche, begrüßt Peter kurz, verlässt sie dann ebenso plötzlich, setzt sich ins Auto und fährt mit seinen Freunden davon.
Peter bleibt verärgert und enttäuscht zurück. Josef hat ihn nicht einmal seinen Kompagnons vorgestellt, nicht einmal gefragt, was an der Front los ist oder wie es seinem Sohn und der Frau geht.
Bedrückt legt er den Fußweg nun in entgegengesetzter Richtung zurück. Wieder in seinem Elternhaus angekommen, erkennen Vater und Mutter sogleich, dass Peter nichts erreichen konnte.
Seine Mutter fragt: „Hast du mit Josef sprechen können?“
Nein, nach dem Essen ging er vergnügt mit den Offizieren fort, er sagte nicht, wann er wiederkommt.“ Kopfschüttelnd erklärt der Vater seinem Sohn: „Ich habe in Russland Kirchen gebaut und dabei viele liebenswerte und ehrliche Menschen kennengelernt. Alles Schöne und Große, das Menschen getan oder geschaffen haben, ist nur geschehen, weil sie wollten, dass etwas Schönes von ihnen in der Welt bliebe, weil sie eine Spur ihrer selbst hinterlassen wollten. Jetzt sterben Menschen, Tiere krepieren, Häuser verbrennen, Felder verwildern. All das Bauen war umsonst.“
Die sonst so stille Mutter bemerkt leise: „Kriege werden immer auf beiden Seiten verloren. Auf beiden Seiten weinen Mütter um ihre Söhne.“ Doch Peter wirft ein: „Wenn wir den Krieg gewinnen, gehört alles uns, wir werden das Land wieder aufbauen!“ „Nie im Leben gewinnt ihr den Krieg!“, ruft der Vater erbost. „Aber Vater, wir sind doch schon in Charkow“, erwidert der Sohn. „Dann habt ihr gerade einen Hahnenfuß auf den russischen Boden gesetzt. Das Land ist riesengroß. Achte auf dich, mein Junge. Der Tod gewinnt immer. Der Krieg ist schon lange verloren.“
Vater, was alles in Russland geschieht, kannst du Dir nicht einmal vorstellen. Der Krieg enthüllt die niedersten und hinterhältigsten Charaktere. Die menschliche Würde ist längst vergessen“, flüstert Peter. Seine leisen Worte sind kaum verständlich: „Wenn wir den Krieg verlieren, dann Gnade uns Gott.“


 

Die Veröffentlichung der Textsammlung „Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt“ erfolgt anlässlich des 41. Internationalen Museumstages 2018. Unter dem Motto „Netzwerk Museum: neue Wege, neue Besucher“ ist dieses #MuseumsTandem in Kooperation mit der Bergischen VHS (Solingen) entstanden.