Angedichtet – Berlin – eines Nachts –

Text zu "Ich suche meinen Mann" von Georg Netzband, Foto: Judith Schönwiesner
Text zu "Ich suche meinen Mann" von Georg Netzband, Foto: Judith Schönwiesner

Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt
Texte der Schreibwerkstatt Solingen
Leitung: Susanne Koch

 

Berlin – eines Nachts –
von Sylvia Mandt

„Aufstehen, Fräulein Wilczynski! Schnell!“
Die Rufe und das Hämmern an der Tür dringen wie von fern an Elses Ohr.
„Ich bin so müde“, sagt sie verschlafen. „Was ist denn los?“
„Fliegeralarm. Kommen Sie schnell, Fräulein Wilczynski! Wir müssen runter!“

Das Fräulein versteht jetzt. Else wirft das auf dem Stuhl liegende Kleid, das sie abends zum Tanzen getragen hatte, über, schnell noch einen Pullover und eine lange Hose, dann schlüpft sie in die an der Tür stehenden hochhackigen Schuhe und geht ins Treppenhaus. Hier herrscht eiliges, aufgeregtes Treiben:
Weinende oder schlafende Kinder auf dem Arm der Mütter. Schon längst gepackte Taschen und Rücksäcke schleppende Frauen.
Else hat nichts mitgenommen. Draußen nimmt niemand Notiz von der jungen Frau, die mit drei Lockenwicklern im Haar und Stöckelschuhen an den Füßen hinter ihnen her zum ausgehobenen Straßengraben in sicherem Abstand zur Häuserzeile eilt.

„Kommt schnell“, ruft wieder jemand. „Ich höre sie schon!“
Dicht an dicht hocken die Menschen nebeneinander. Keiner spricht. Jeder hofft auf den Schutz des Grabens. Wenige Minuten später verwandelt sich der Himmel über ihnen in eine rote Hölle, die ihr Fegefeuer über alle und alles auszugießen droht. Ohren betäubender Lärm, mal heulend, mal krachend, mal so, als ob die ganze Welt explodierte. Dann wirbeln Schutt, Asche und Staub, beleuchtet von der Feuersbrunst, umher und bedeckten später nur scheinbar die tiefen Wunden der Erde mit Stille. Ohnmächtiger Stille. Bis leises Wimmern zu hören ist, dann Rufen, Schreien, Stöhnen. Laufen, Suchen. Die Menschen graben mit bloßen Händen in den Trümmern, um etwas oder jemanden zu finden. Beugen sich weinend über die Toten, rufen nach Hilfe für die Verletzten. Verzweifelte Hektik. Else Wilczynski hat keine Tränen, kein einziges Wort. Reglos starrt sie auf den Haufen Steine, der eben noch ihr Zuhause war. Das ist weg, mit allem, was sie besaß. Steif und stumm steht sie mitten unter den Menschen. Steht, wie zu Stein erstarrt, dort wo kein Stein mehr auf dem anderen steht. Dann, plötzlich, ruft sie: „Friedrich! Friedrich, wo bist du? Friiiiiedrich!“
Sie läuft die Straße hinunter, ohne zu wissen wohin. In die eine, in die andere Richtung. Knickt mit den hochhackigen Schuhen um, ein Absatz bricht ab. Sie zieht die Schuhe aus, lässt sie einfach liegen, läuft barfuß weiter hin und her. „Friedrich, Friedrich!“

„Los, kommen Sie, Sie müssen hier weg!“
Ein junger Mann in Uniform fasst Else am Arm.
„Aber, Friedrich, ich muss ihn finden…!“
„Sie kommen jetzt mit zum Bahnhof, raus aus der Stadt. Fahren Sie irgendwo hin!“
„Aber er …“
„Anziehen!“ sagt der Fremde, hält ihr Socken hin, die er aus seinem Rucksack geangelt hat, „ Sie müssen hier weg.“
Else weint, aber gehorcht jetzt wie ein Kind und folgt dem Mann, der sie an der Hand hinter sich her zieht.
Am Bahnhof ist reger Betrieb. Soldaten, Frauen mit Kindern, alte Männer mit Gepäck. Oder Menschen mit nichts außer ihrer verdreckten und zerfetzten Kleidung am Leib – wie Else selbst.
„Ich muss nach Breslau“, sagt der Soldat. „Und Sie? Wo können Sie hin?“
„Zu meiner Mutter, nach Ullersdorf bei Glatz.“
„Dann kommen Sie! Wir fahren ein Stück zusammen. Ich helfe Ihnen.“

Die Züge sind voll, auch später der Zug nach Glatz, in dem sie irgendwann sitzt.
Einer der Soldaten hier bietet der zitternden jungen Frau neben sich, die nichts von ihrem Ruß und Tränen verschmierten Gesicht und den Lockenwicklern weiß, seine Schnapsflasche an. Wie in Trance nimmt sie einen Schluck, zeigt aber sonst keine Reaktion, hört nicht auf die Worte des Mannes, der von Frau und Kind erzählt, die er in der Ungewissheit eines Wiedersehens zurück lassen musste, für die Fahrt in eine Ungewissheit, die er ebenso fürchtet.
Der Zug ist ungeheizt. Der Schluck Schnaps, den Else nahm, hat sie nicht wirklich gewärmt, immerhin schläft sie ein. Und erst im Wachwerden denkt sie wieder an Friedrich. Keinen klaren Gedanken, nur einfach so.
Wie unter Hypnose erreicht sie Ullersdorf, weiß nicht wie und wie lange sie unterwegs war. Als die Mutter die Haustür öffnet, bricht Else zusammen.

„Lungenentzündung“, sagte der Arzt.
„Sie phantasiert“, berichtete die Mutter, „sie redet mit irgendjemand, aber ich kann nichts verstehen. Nur manchmal ruft sie laut: Wo ist mein Mann?“
„Ja, das hohe Fieber muss runter. – Ist das Elschen denn verheiratet?“
„Nein, sie wollten sich verloben, das schrieb sie mir. Aber man weiß ja nie in diesen Zeiten.“
Der Doktor kannte die Witwe und ihre Kinder seit langem und fragte nun interessiert:
„Was ist er denn für ein Mann? Und vor allem, steht er auf der richtigen Seite?“
„Wie meinen Sie das?“
„Nun, glaubt er noch an den Endsieg?“
„Ach herrje, Herr Doktor, ich weiß es nicht! Ich hoffe, er bringt uns keine Schande.“
„Das hoffe ich auch“, sagte er. „Und mit dem kranken Elschen müssen wir Geduld haben. Sie ist noch nicht über den Berg.
Ich komme morgen wieder.“

Else schlief noch, als es eines Morgens an der Haustür klopfte. Adelheid Wilczynski schaute durchs Fenster und erschrak.
Ein Soldat stand draußen.
„Aufmachen bitte!“ rief er.
Was hatte das zu bedeuten? Bestimmt nichts Gutes. Ob sie überhaupt öffnen sollte?
In diesem Moment kam Else aus der Schlafkammer gerannt, ihr wirres langes Haar und das Nachthemd flatterten um ihren abgemagerten Körper. Sie riss die Haustür auf und flog dem Soldaten geradezu in die Arme.
„Friedrich! Friedrich!“

Die Mutter war wie angewurzelt stehengeblieben und konnte nichts mehr sagen. Sie starrte auf die Uniform und die Runen am Kragenspiegel.
Der zweifellos gut aussehende Soldat warf ihr dessen ungeachtet über Elses Kopf hinweg ein glückliches Lächeln zu.
„Aber Sie sind doch…“ begann die Mutter.
Doch dann fasste sie sich ein Herz und sagte: „Kommen Sie herein!“

Else und Friedrich wurden im März 1946 meine Eltern. Sie haben mir mit ihren jeweiligen Prägungen und Erlebnissen ein zeitgeschichtlich und persönlich schwieriges Erbe übertragen. Damit setze ich mich derzeit
einmal mehr in meiner im Werden und Wachsen begriffenen Autobiografie auseinander.


 

Die Veröffentlichung der Textsammlung „Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt“ erfolgt anlässlich des 41. Internationalen Museumstages 2018. Unter dem Motto „Netzwerk Museum: neue Wege, neue Besucher“ ist dieses #MuseumsTandem in Kooperation mit der Bergischen VHS (Solingen) entstanden.