Angedichtet – Der 7. Oktober

Text zu "Stalingrad" von Georg Meistermann, Foto: Judith Schönwiesner
Text zu "Stalingrad" von Georg Meistermann, Foto: Judith Schönwiesner

Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt

Texte der Schreibwerkstatt Solingen

Leitung: Susanne Koch

 

Der 7. Oktober
von Ulrike Friedrichs

Stalingrad – für manche aus Ihrem Kreis verbindet sich mit diesem Wort vielleicht die Erinnerung an Berichte aus den Kriegstagen, wenn nicht sogar die Trauer über den Verlust eines lieben Menschen. Ich hörte das Wort Stalingrad zum ersten Mal, als mein Vater sagte: „Stalingrad ist gefallen. Nun haben wir den Krieg verloren.“ Nie wieder habe ich meinen Vater so ernst, hoffnungslos, ja verzweifelt blicken gesehen.

Der Solinger Künstler Georg Meistermann, nur wenig jünger als mein Vater, hat diese Hoffnungslosigkeit auf seine Weise dargestellt. Eine einzige Gestalt, den überschlanken Körper in düsteres Grau gehüllt, sitzt kerzengerade auf einer Kirchenbank. Die in ungläubigem Entsetzen aufgerissenen Augen folgen einem Geschehen, das dem Betrachter verborgen bleibt, der Hölle von Stalingrad. Die einzigen scharf gezeichneten Objekte des Bildes sind die Hände. Wären sie doch gefaltet! Aber nein, diesen Trost gewährt der gläubige Katholik Meistermann weder sich noch uns.

Damals, im Frühjahr 1943, war ich ein kleines Mädchen von 6 Jahren, das die Bedeutung der Worte nicht ermessen konnte. Ich lebte mit meinen Eltern und drei jüngeren Geschwistern in Euskirchen in einem großen Haus, Georgstraße 1, inmitten eines riesigen Gartens, der von zwei mächtigen Nussbäumen überragt wurde. Die Georgstraße lag am Stadtrand, endete bei der Schranke über die Bahnlinie Köln-Trier und setzte sich dahinter als Kirschallee Richtung Billig und Kreuzweingarten fort. Am Straßenende, dicht neben den Bahngleisen, stand die Georgs-Kapelle, ein stabiles, unterkellertes Bauwerk.

Bis zum Frühsommer 1944 machte sich der Krieg, obwohl Zeit unseres Kinderlebens allgegenwärtig, noch nicht bestimmend in meinem alltäglichen Kinder-Bewusstsein breit. Doch dann sahen wir fast täglich Fliegergeschwader, der ganze Himmel konnte voller Kondensstreifen sein. Wir hörten von Bombenangriffen, besonders auf Köln. Obdachlos Gewordene fanden Unterschlupf in unserem Elternhaus. Wir Kinder winkten an der Bahnschranke den Zügen mit Soldaten zu, die an die Westfront fuhren. Mein Bruder Daniel kannte alle Flugzeugtypen, und mein Schwesterchen Annette nannte ihre neuen Lackschuhe „Flakschuhe“.

Unsere Freunde, die Kinder aus der Georgstraße, kamen gern in unseren Garten zum Spielen. Bei Fliegeralarm rannten sie zur Kapelle und trafen sich dort mit ihren Müttern, denn unser Haus war das einzige auf dieser Straße, das einen Luftschutzkeller besaß. Im Juni 1944 rückte die Westfront näher, es gab nun auch in Euskirchen häufig Bombenangriffe. Ich erinnere mich an einen Tag, den wir ganz und gar im Luftschutzkeller der Schule ausharren mussten, ängstlich und im Halbdunkel. Eines Morgens fehlte das Mädchen, das auf dem Platz neben mir gesessen hatte, und ich erfuhr, dass es bei dem Fliegerangriff in der vorigen Nacht ums Leben gekommen war. Meine erste Begegnung mit dem Tod.

Nach den Sommerferien häuften sich die Angriffe. Nachdem ich einmal auf dem Nachhauseweg vor einem Tiefflieger in einen Hauseingang geflüchtet war, durfte ich nicht mehr in die Schule gehen. Der Weg von gut einem Kilometer war zu gefährlich geworden. Deshalb bin ich in meinem Leben nur zwei Wochen lang ins zweite Schuljahr gegangen.

Es wurde Herbst, das Obst reifte, und die Nüsse fielen in solchen Mengen von unseren Bäumen, dass wir Mühe hatten, sie alle aufzusammeln. Meine Mutter verteilte sie zum Trocknen auf den Schränken und Kommoden überall im Haus.
Derweil spitzte sich die Situation an der Westfront zu: Der täglich blaue Himmel ließ die feindlichen Flugzeuge leicht ihr Ziel finden. Die deutsche Abwehr entwickelte „Wunderwaffen“, aber es war zu spät. Sicherlich erwarteten alle Erwachsenen in jenen Tagen das Ende. Irgendein Ende.

Unseres traf uns am 7. Oktober, einem leuchtenden Herbsttag. Beim Beginn des Großalarms rief meine Mutter uns in den Keller, gerade noch rechtzeitig, dann krachte es los, so nah wie nie zuvor.
Zitternd vor Angst stiegen wir danach aus dem Keller. Das Haus war nicht getroffen worden, nur alle Fensterscheiben waren zertrümmert.
Unser erster Weg war der zum Elternschlafzimmer, wo mein Vater staub- und putzbedeckt, aber unverletzt unter der Bettdecke lag. Er war seit einem Unfall in seinen Jugendjahren oberschenkelamputiert und ging nie in den Keller. Er fürchtete, im Ernstfall nicht schnell genug heraus zu kommen.

Unauslöschliche Erinnerung an diesen letzten Gang durch unser geliebtes Heim sind, neben Staub und Glasscherben, die Nüsse. Nüsse, die von überall heruntergefallen waren, durch die man geradezu watete.

Unsere Eltern rafften das Nötigste zusammen. Wir Kinder durften jeder ein liebstes Teil mitnehmen. Ich nahm meine Puppe Erika, die mit den echten Haaren. Dann packte mein Vater uns in den alten DKW, der seit einem Luftangriff keine Türen mehr besaß, und fuhr die Georgstraße hinunter, stadtauswärts Richtung Kreuzweingarten, wo wir bei Freunden unterzukommen hofften. Kein Haus in der Georgstraße war beschädigt. Dann sahen wir es: Die Georgskapelle war durch einen Volltreffer, der wohl der viel befahrenen Bahnstrecke gegolten hatte, in Schutt und Asche gelegt. Der Keller, Schutzraum der Anwohner, verschüttet. Keiner dort hat überlebt, keins der Kinder, mit denen wir jahrelang befreundet gewesen, keine der Mütter, bei denen wir hin und wieder zu Gast geladen waren.

Wir waren mit dem Leben davongekommen, aber am Nachmittag des 7. Oktober 1944 endete die unbeschwerte Zeit meiner Kindheit.

Unsere Mutter hielt die Erinnerung an diesen Tag des Verlustes und der Errettung über Jahrzehnte wach: An jedem 7. Oktober lud sie die Familie zu einem Nussfest ein, kaufte Nüsse in großen Mengen, die wir Großen knackten und dabei den Kleinen von früher erzählten. So nahmen die nach dem Krieg geborenen Geschwister Teil an der Geschichte der Familie.

Das Nussfest am 7. Oktober als Tag des Erinnerns, der Rückschau, auch der Trauer, trat erst in den Hintergrund, als am 8. Oktober 1967 unsere Katharina geboren wurde und seitdem der 8. Oktober für unsere Familie zu einem Festtag, aber einem der Freude und der Zuversicht, wurde.


 

Die Veröffentlichung der Textsammlung „Angedichtet – Kunst, die aus dem Rahmen fällt“ erfolgt anlässlich des 41. Internationalen Museumstages 2018. Unter dem Motto „Netzwerk Museum: neue Wege, neue Besucher“ ist dieses #MuseumsTandem in Kooperation mit der Bergischen VHS (Solingen) entstanden.