Ein Leben für die verbrannten Dichter – Jürgen Serke zum 80. Geburtstag

Die Wirkung seiner Werke und die Rezeption der Solinger Literaturdauerausstellung
18. April – 15. Juli 2018

 

Jürgen Serke, der Journalist, der im Auftrag des STERN auf die Suche nach den verbrannten und verbannten Dichtern ging, feiert 2018 seinen 80. Geburtstag. Das Zentrum für verfolgte Künste, das die Literatursammlung Serkes seit 2008 betreut, widmet ihm bis Juli 2018 eine Ausstellung. Im Fokus stehen seine Werke, die Wirkung dieser sowie die Rezeptionsgeschichte der Solinger Literaturausstellung. Ergänzt wird die Werkschau durch Fotografien, die Serke mit Zeitgenossen zeigen u.a. Marcel Reich-Ranicki, Christine Kaufmann und Günter Grass.

 

Das Werk
Jürgen Serke war von 1961-1969 bei der Nachrichtenagentur UPI in Frankfurt am Main tätig und berichtete 1967/68 aus der Tschechoslowakei über den Prager Frühling. Von 1970-1983 arbeitete er als Autor beim STERN, von 1984-1989 für die „Weltwoche“ Zürich und von 1990-1992 bei der „Welt“.

Im Mittelpunkt seiner journalistischen Arbeit stand und steht der Widerstand der Schriftsteller gegen die beiden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts. Es folgten vier Bücher, die mit ihren jeweiligen Schwerpunkten maßgeblich zur Wiederentdeckung zahlreicher Schriftsteller beitrugen.
Mit seinem Buch „Die verbrannten Dichter“ (1977) leitete er in der Bundesrepublik Deutschland die Wiederentdeckung jener Autoren ein, deren Werke 1933 in Berlin von den Nazis verbrannt wurden. Sein Buchtitel wurde zum Gattungsbegriff für eine ganze Literatur.
Sein zweites Buch „Die verbannten Dichter. Berichte und Bilder einer neuen Vertreibung“ (1982) stellte die Dichter des Widerstands gegen den kommunistischen Totalitarismus in den Mittelpunkt. Hier wurden Autoren im westlichen Exil vorgestellt, die versuchten, in einer fremden Welt wieder Fuß zu fassen.
Es folgte das Buch „Böhmische Dörfer. Wanderungen durch eine verlassene literarische Landschaft“ (1987). Hierin stellte Serke die zuerst vom NS-Regime und dann vom Kommunismus zerstörte deutschsprachige Literatur der Tschechoslowakei dar und fügte sie wieder in die tschechische Kulturgeschichte ein.
Das Buch „Zuhause im Exil. Dichter, die eigenmächtig blieben in der DDR“ (1998) präsentierte Leben und Werk jener Dichter, die in der DDR blieben, das SED-Regime bekämpften und sich in ihrem Widerstand an den Autoren der Charta 77 orientierten.

 

Dichter lesen in Asylbewerberheimen
Jürgen Serke ist Mitglied des Kuratoriums der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft Wuppertal. Mit Hajo Jahn, dem Vorsitzenden der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft, war er 1992 Initiator und Organisator der Aktion „Dichter lesen in Asylbewerberheimen“. Es war eine Reaktion auf die Anschläge von Asylbewerberheimen in Hoyerswerda, Rostock und Hünxe. An der Aktion am 9. November 1992 in allen 16. Bundesländern und danach fünf Monate lang jede Woche beteiligten sich u.a. Sarah Kirsch, Wolf Biermann, Herta Müller, Rainer Kunze, Hans Joachim Schädlich, Günther Grass, Peter Schneider, Sten Nadolny. Der Aktion schlossen sich die Stiftungen der SPD, der CDU, der Grünen an, außerdem der Börsenverein des deutschen Buchhandels, die Initiative gegen Gewalt und Fremdenhass, in der sich 60 deutsche Verlage zusammengefunden hatten, und die deutsche Janusz-Korczak-Gesellschaft.

 

Die Literatursammlung Serke kommt ins Museum
2008 wurde seine Literatursammlung von der Else-Lasker-Schüler Stiftung gekauft und unter dem Titel „Himmel und Hölle zwischen 1918 und 1989“ als ständige Ausstellung im Solinger Kunstmuseum gezeigt. Zusammen mit der Sammlung bildender Kunst konnte das weltweit einzigartige Zentrum für verfolgte Künste entstehen. Die Literatursammlung ist heute Teil der „Bürgerstiftung für verfolgte Künste – Else Lasker-Schüler Zentrum – Kunstsammlung Gerhard Schneider“.

 

Auszeichnungen
Für sein Werk der Wiederentdeckung erhielt Serke 1992 den Alexander-Zinn-Preis der Hansestadt Hamburg. 2002 wurde er mit der tschechischen Übersetzung der „Böhmischen Dörfer“ in Prag mit dem Literaturpreis „Magnesia“ ausgezeichnet. 2011 erhielt er in Prag als erster Deutscher die Václav-Benda-Medaille für seine „bedeutende Rolle im Kampf für die Wiederherstellung von Freiheit und Demokratie der Tschechoslowakischen Republik“. 2012 erhielt er in Bremen den Kunstpreis zur deutsch-tschechischen Verständigung.

 

Weitere Bücher
„Strafverteidigung in Deutschland“ (1976) und „Frauen schreiben. Ein neues Kapitel deutschsprachiger Literatur“ (1979). Zusammen mit Jürgen Kaumkötter „Himmel und Hölle zwischen 1918 und 1989“ (2008), „Peter Kien: Bilder und Gedichte 1933-1944“ (2008) und „Die Unsterblichkeit der Sterne. Von Francisco de Goya über Walter Benjamin zu Václav Havel“ (2010), außerdem „Die sich die Freiheit nahmen. Mit Fotografien von Wilfried Bauer, Robert Lebeck, Stefan Moses und Christian G. Irrgang“. Herausgeber von „Das Schnarchen Gottes und andere Gedichte“ von Jakob Haringer (1979), „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte“ von Selma Meerbaum-Eisinger (1980) und der „Bücher der Böhmischen Dörfer“ (1987-1990) mit Werken von Ludwig Winder, Ernst Sommer, Oskar Baum, Hermann Ungar, Heinrich Brügel, Hugo Sonnenschein, Hans Natonek, Melchior Vischer, H. G. Adler und Franz Wurm.