SOS Méditerranée

Auf Rettungsfahrt im Mittelmeer an Bord der Aquarius

14. April – 15. Juli 2018

 

Menschen, die sich in seeuntauglichen Schlauchbooten auf die lebensgefährliche Überfahrt von Afrika nach Europa machen. Menschen mit eigener Geschichte und eigenen Wünschen, nicht reduziert auf eine amorphe Masse von Flüchtlingen mit all den Assoziationen mit der negativen Konnotation wie Not, Armut, finanzielle Belastung, Gefahr durch Terrorismus. Und ein Buchtitel, der mit „Liebe deinen Nächsten“ das christlich orientierte Europa auffordert, seine Asyl und Einwanderungspolitik menschlich zu gestalten. All dies zeigt die Graphic Novel „Liebe deinen Nächsten“, deren original Zeichnungen im Zentrum für verfolgte Künste zu sehen sind.

Die Graphic Novel bezieht als illustrierte Reportage Stellung und stellt zunächst das Schiff, seine Besatzung und den Alltag der Rettungsmission vor. Neben der Schilderung der zunehmend dramatischeren Ereignisse gibt es genug Raum für Nahaufnahmen Einzelner. Die Geretteten zeigen ihr Gesicht und erhalten eine Stimme. Sind die Zeichnungen anfangs computercoloriert, markiert der erste Rettungseinsatz, die Konfrontation mit der dramatischen Wirklichkeit zugleich einen stilistischen Bruch. Nun sind die Bilder mit Gouachefarben handcolorierte Tuschebilder und der direkte Kontakt mit den Fliehenden zwingt die Autoren den cleanen etwas distanzierten Ausdruck zu verlassen, sich vollständig einzubringen.

 

Der „Rückbezug in die Gegenwart“ deckt sich dabei mit den Zielen des Zentrums für verfolgte Künste. Mit seiner Kunstsammlung, vor allen Dingen mit der Literaturdauerausstellung, zeigt das Zentrum die Strukturen von diktatorischer Gewalt und die Auswirkungen von menschenverachtendem Terror auf das Leben. Zwangsmigration ist als einzige Möglichkeit der Rettung ein Kontinuum. Das Exil ist ein politisches Territorium. Als nach 1933 viele Intellektuelle, vor allem Juden, Kommunisten, Schriftstellerinnen und Journalisten ihr Leben nur durch Flucht vor den Nationalsozialisten retten konnten, waren sie – wie Erich Maria Remarque es beschreibt – nicht willkommenes Strandgut in Europa und der Welt. Heute ist dieses Exil ein strahlendes Leuchtfeuer für Demokratie, Widerstand und Freiheit. Heute sind diese Emigranten die Guten. Wie anders und zugleich ähnlich ist die Sicht auf die Zwangsmigration aus den Bürgerkriegen in Afrika und dem Nahen Osten. Menschen, die mit dem Mut der Verzweiflung ihre Heimat verlassen. Werden diese Emigranten irgendwann auch die Guten sein?

 

Die Autoren

Im Sommer 2016 verbrachten Gaby von Borstel und Peter Eickmeyer drei Wochen an Bord des Rettungsschiffes MS Aquarius der Organisation SOS MÉDITERRANÉE. Seit März 2016 ist die Aquarius im Mittelmeer und rettet Menschen aus akuter Seenot. An Bord nahmen von Borstel und Eickmeyer an Rettungseinsätzen teil. Gaby von Borstel führte Gespräche mit der Crew und mit den Geflüchteten. Peter Eickmeyer fotografierte und zeichnete vor Ort. Die Graphic Novel verdichtet das Erlebte, bleibt aber immer der Realität treu und somit eine authentische Schilderung der Ereignisse.

 

Die Graphic Novel „Liebe deinen Nächsten“ von Peter Eickmeyer und Gaby von Borstel ist im Splitter Verlag erschienen. [Mehr]