Kunstwerk Leben

1. April – 2. Juli 2017

 

Eine Ausstellung in Kooperation mit der Dietrich Grönemeyer Stiftung für Prävention und Gesundheitsförderung

 

Die Medizin ist ein fester Bestandteil unserer Kulturgeschichte, der älteste nach dem Essen. Aus der Beschäftigung mit Körper, Seele und Geist sind Sitten und Gebräuche, Kunst und Literatur erwachsen. Von Anfang an wirkte die Medizin somit als Identität stiftender Kulturträger. In ihr offenbaren sich die unterschiedlichen kulturellen Prägungen von Nationen und Ethnien. Sie ist die praktizierte Philosophie des Lebens und des Todes. Da sie das existentielle Grundbedürfnis aller berührt, hat sich die Medizin zum Kern einer modernen Weltkultur entwickelt. Dies ganz unabhängig von politischen oder historischen Verwerfungen.

 

Zwangsläufig hat die Medizin das besondere Interesse von Künstlern geweckt. Nicht nur als Gegenstand der Abbildung, sondern mehr noch als Pendant eigenen Schaffens, des schöpferischen Bemühens um das Leben. Dieser historisch gewachsenen Wahlverwandtschaft nimmt sich die Ausstellung „Kunstwerk Leben“ erstmals mit einer weiträumig angelegten Präsentation unterschiedlichster Werke und Dokumente an. Mit Gemälden, Graphiken, Installationen, Performances und Videos spannt sie den Bogen von Dürer und Goya bis Abramović. Ergänzt werden die Kunstwerke durch philosophische, ästhetische, literarische und medizinische Zeugnisse, u.a. mit Kommentaren von Platon, Diderot, Schiller, Hegel, Benn, Freud, C. G. Jung, Weizsäcker, Uexküll oder Sloterdijk. So entsteht ein spannungsgeladenes Panorama zur Beziehungsgeschichte von Kunst und Medizin, das getragen wird von einem Menschenbild, durch das sich beide gestalterisch herausgefordert sehen, positiv wie negativ.

 

Dass sich das Humane dabei bisweilen in sein Gegenteil verkehrt, liegt in der Natur des Menschen. Neben dem humanen Anspruch gehört daher auch die diabolische Versuchung zu der erzählten Geschichte, so zum Beispiel die medizinischen Verbrechen und ihre künstlerischen Spiegelungen während der Zeit des Nationalsozialismus. Daran anknüpfend wird Elfriede Lohse-Wächtler in der Ausstellung eine zentrale Rolle einnehmen. Die aufstrebende Künstlerin der 1920er Jahre, erlitt 1929 einen Nervenzusammenbruch und kam in eine Psychiatrie. Dort fand sie jedoch nur vordergründig Schutz, denn unter der nationalsozialistischen Euthanasie-Aktion „T4“ wurde sie 1940 in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet. Im Bereich der Literaturdauerausstellung des Zentrums für verfolgte Künste wird zudem das literarische Werk des DDR-Dissidenten Jürgen Fuchs präsentiert. Sein Krebstod wurde vermutlich durch mehrfach absichtlich verabreichte Überdosen von Röntgenstrahlen während der Verhöre durch die Staatssicherheit der DDR ausgelöst. Medizin, die nicht heilt, die mordet.