Wie Peter Kiens Skizzenbuch ins Zentrum kam

Peter Kiens Skizzenbuch, Bürgerstiftung für verfolgte Künste © Zentrum für verfolgte Künste
Peter Kiens Skizzenbuch, Bürgerstiftung für verfolgte Künste © Zentrum für verfolgte Künste

 

Die Geschichte hinter dem Objekt.

Peter Kiens Leben begann in Varnsdorf, auf halber Strecke zwischen Prag und Berlin. Er wurde am 1. Januar 1919 in die gerade gegründete Ceskoslovenská Republika (CSR) (Tschechoslowakische Republik) hineingeboren. Seinem Pass nach war er Tschechoslowake, seine Muttersprache war Deutsch und seine Eltern waren jüdisch. Kien leitete eine Malschule in der Weinbergssynagoge, als er am 4. Dezember 1941 nach Theresienstadt deportiert wurde.

Theresienstadt

Kien gehörte zu den ersten Juden, die nach Theresienstadt deportiert wurden. In der sogenannten Magdeburger Kaserne konnte er neben seiner Arbeit in der technischen

Abteilung der jüdischen Selbstverwaltung eine „Zeichenstube” aufbauen. In der technischen Abteilung wurden die Formulare, Schilder, Pläne und Aufbauzeichnungen des Lagers angefertigt. In der „Zeichenstube” kam eine feste Gruppe von Künstlern zusammen. Sie zeichneten gemeinsam und brachten jungen Menschen das Malen bei. Theresienstadt hatte ein eigenständiges, von der SS toleriertes Kulturleben. Nicht zum Wohlgefallen der Inhaftierten, sondern zur Blendung des internationalen Roten Kreuzes. Kien, gerade verheiratet mit der sechs Jahre älteren und ebenfalls deportierten Ilse Stránsky, verliebte sich in Theresienstadt in die jüngere Helga Wolfenstein.

Unter der ständigen Todesbedrohung entstand Kiens eindrucksvolles zeichnerisches und dichterisches Werk. Im Oktober 1944 kamen die Eltern und seine ebenfalls in Theresienstadt internierten Schwiegereltern auf die Transportliste nach Auschwitz. Seine Frau schloss sich ihnen freiwillig an. Er entschied sich, ebenfalls mitzugehen. Er verschwieg seiner Geliebten Helga Wolfenstein diesen Schritt, schenkte ihr alle seine Zeichnungen aus der Ghettozeit, hinterließ ihr 14 Briefe, die sie, einen je Tag nach seiner Abreise, lesen und vernichten sollte. Ein 15ter Brief, der letzte, kam mit einem leeren Zug aus Auschwitz zurück nach Theresienstadt. Er schrieb: „(…) ich grüße Dich aus der unbekannten Richtung, wohin wir fahren. Mein Blick wird zu Dir gerichtet sein, bis ein seliger Tag uns wieder zusammenführt. Ich küsse Dich, Liebste, Dein Terl.” Kien überlebte in Auschwitz zwar die Selektion, starb aber Ende 1944 vermutlich an einer Infektion.

Helga Wolfenstein überlebte, erzählte die Geschichte ihres Geliebten dem Autor Jürgen Serke und schenkte ihm u.a. das Skizzenbuch. Serke hielt die Liebe der beiden in seinem Buch „Böhmische Dörfer” fest. Mit dem Ankauf der Literatursammlung Jürgen Serke durch die Else-Lasker-Schüler-Stiftung fand Kiens Nachlass 2008 den Weg ins Zentrum.

In Kiens Bildern findet das Grauen des Lagers nicht statt. Wenn er Szenen des Lageralltags in Zeichnungen festhält, sind es kleine Geschichten, die nur sehr entfernt die Bedrohung sichtbar werden lassen. Die Sujets seiner Zeichnungen und Aquarelle knüpfen nahtlos an seine vor der Deportation entstandenen an, es sind hauptsächlich Porträts von Freunden, Skizzen und Karikaturen.

Peter Kien verarbeitete das Grauen des Lagers in seinen Gedichten und in dem Libretto „Kaiser von Atlantis”. Mit der Lyrik und dem Drama entging er dem Dilemma der bildenden Kunst: Kein Bild kann all das zum Ausdruck bringen, was die Menschen erleiden mussten. Anders als Zeichnungen und Ölbilder liegen die Metaphern der Gedichte nicht überdeutlich vor uns, sie entstehen in unseren Köpfen und Herzen. Gedichte sind keine juristischen Objekte, keine „immerwährenden Beweisstücke” des Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Sie sind mehr.