Milly Steger: Deutschlands große vergessene Bildhauerin

Milly Steger, Männlicher und weiblicher Torso, um 1921, Steinguss, Bürgerstiftung für verfolgte Künste © Zentrum für verfolgte Künste
Milly Steger, Männlicher und weiblicher Torso, um 1921, Steinguss, Bürgerstiftung für verfolgte Künste © Zentrum für verfolgte Künste

 

Die Geschichte hinter dem Werk.

Da Frauen an den Akademien noch nicht zugelassen sind nimmt Milly Steger bis 1905 privaten Unterricht bei Prof. Karl Janssen in Düsseldorf. 1906 begegnet sie auf einer Parisreise den französischen Bildhauern Auguste Rodin und Aristide Maillol. 1909 besucht sie Georg Minne in Belgien. 1910 wird sie auf Veranlassung des Kunstmäzens Karl Ernst Osthaus Stadtbildhauerin in Hagen. Dort schuf sie vier überlebensgroße Frauengestalten an der Fassade des Hagener Stadttheaters, die einen Skandal auslösten: „Vier große nackte Frauen von einer jungen Künstlerin aus Stein geschlagen, und sie, die Künstlerin, in Hosen!“ Heute sind diese großartigen Werke längst der Stolz der Stadt Hagen.

Milly Steger geht 1917 nach Berlin. Sie freundet sich mit Käthe Kollwitz und Else Lasker-Schüler an und stellt 1922 in der Galerie Gurlitt in Berlin aus. Danach nimmt sie an mehr als 25 Ausstellungen der Akademie der Künste in Berlin teil. 1927 hat sie in Dresden die größte Einzelausstellung zu Lebzeiten.

Ab 1927 unterrichtet sie Bildhauerei und Aktzeichnen an der Unterrichtsanstalt des Vereins der Künstlerinnen zu Berlin. In dieser Zeit hat sie auch Kontakt zu den Tanzgruppen von Gret Palucca und Mary Wigman. Milly Stegers androgyne Plastiken aus ziegelrot getöntem Steingips greifen das Thema „Ausdruckstanz“ auf.

Zeitschriften nennen sie die „bedeutendste deutsche Bildhauerin“. In Friedenthals Lexikon und in Knaurs Lexikon steht Milly Steger zusammen mit Ernst Barlach und Wilhelm Lehmbruck für „Deutsche Bildhauerei“.

Aus dem kulturellen Gedächtnis gelöscht

Für die Neuauflage der Lexika ergeht 1934 jedoch die Verfügung, dass der Name „Milly Steger“ gestrichen wird. Sie soll aus dem kulturellen Gedächtnis gelöscht werden. 1937 werden mehrere Werke Stegers von den Nationalsozialisten als „entartet“ beschlagnahmt. Öffentliche Aufträge für Bauplastik erhält sie nicht mehr. Ab 1932 arbeitet sie im früheren Atelier des Bildhauers Georg Kolbe. Von Kolbes Werk ist sie beeindruckt. Sie bezeichnet sich als dessen Schülerin, ohne es gewesen zu sein. Das Atelier wird im November 1943 zerstört und ein großer Teil ihres Werkes geht somit verloren.

Als das Kunstmuseum Solingen zusammen mit dem Karl-Ernst-Osthaus-Museum in Hagen eine Milly Steger-Ausstellung durchführte, wurden wunderbare lebensgroße Bronzefiguren aus Museen in Berlin, Hamburg und München ausgeliehen. Sie befinden sich dort in den Depots. Auf die Frage, warum man diese Kunstwerke Milly Stegers dort nicht ausstellt, kam die Antwort: „Die kennt doch keiner“.

 

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